Der kluge Esel Theobald

Illustriert von Brian Bagnall

In der Kleinstadt, in der Theobald aufwuchs, gab es überhaupt keinen Esel. Hunde und Katzen, bisweilen Mäuse und ab und zu ein Pferd, das war alles. Schon um eine Kuh zu sehen, mußte er aufs Land hinausfahren. Aber das störte Theobald überhaupt nicht, er hatte nichts das geringste Interesse an Eseln. Ihn interessierten andere Dinge. Hexen zum Beispiel. Oder auch Zauberer.

Aber die gab es in der Kleinstadt genauso wenig wie Esel. Das bedauerte Theobald tief. Er hatte nämlich ein fabelhaftes Buch über Hexen gelesen und war fest überzeugt, daß es noch irgendwo eine geben müßte. Er sprach nicht gern darüber, die Leute würden sonst nur bedenklich mit den Köpfen wackeln und sagen: "Schon sein Großvater hatte so verrückte Ideen! Wie sich so etwas vererben kann, nein!" und die Nachbarsfrau würde ein besorgtes "ts, ts, ts" hinzufügen.

Ob die Ideen seines Großvaters verrückt waren, konnte Theobald, damals noch nicht entscheiden. Vom Großvater existierte nur noch die Dachstube, die er bewohnt hatte. Sie war voller Bücher, und das ist ja nicht gerade sehr verrückt. Allerdings waren es ein bißchen seltsame Bücher, die dort herumstanden, sie handelten fast nur von Geistern, verzauberten Schätzen, unheimlichen Himmelserscheinungen und eben auch von Hexen.

Als Theobald noch ein kleiner Junge war, hatte es ihm seine Mutter verboten, so unheimliches Zeug zu lesen. "In deinem Kopf ist Unsinn genug!" sagte sie und hatte damit nicht so ganz unrecht. Sie zog den Schlüssel zu der Dachstube ab und steckte ihn in ihre Schürzentasche. Das war kein sonderlich gutes Versteck für einen Schlüssel, und so kam es, daß Theobald eben doch in den Büchern schmökerte. Das Buch über Hexen stammte auch aus Großvaters Bibliothek. Theobald nahm sich auf der Stelle vor, nach Hexen zu forsche, sobald er erwachsen sein würde.

 

 

 

 

 

 

 


© 2012 Ellis Kaut